Der Wald im Rems-Murr-Kreis hat sich vom Extremsommer 2003 noch immer nicht erholt. Sichtbare Trocknisschäden an alten Buchen und der Befall von zahlreichen Fichten mit Borkenkäfern sind deutliche Folgeschäden der damals langen Trockenphase.
Bei den Schadensursachen wird grundsätzlich zwischen „neuartigen“, abiotischen und biotischen Waldschäden unterschieden.
Die neuartigen Waldschäden entstehen als Immissionsschäden aufgrund von Luftverunreinigungen. Sie werden seit 1983 nach dem gleichen Schema im Wald erhoben und im Waldzustandsbericht zusammengeführt. Derzeit werden die aktuellen Daten für den im November vorzustellenden Waldzustandsbericht erhoben. Sie werden im Rems-Murr-Kreis vermutlich nicht günstiger ausfallen als im Jahr 2006. Letztes Jahr waren in Baden-Württemberg 45% der Bäume deutlich geschädigt, d.h. eingestuft in die Schadstufen 2 bis 4. In der Kategorie 2 sind die Kronen bereits licht und der Stamm erkennbar. In Stufe 3 sind sogar Teile der Krone abgestorben, der Stamm ist durchgehend sichtbar, bei Nadelbäumen haben nur noch die jüngsten Triebe Nadeln. In der Stufe 4 ist der Baum tot. In Kategorie 3 und 4 wurden 2006 rund 5% des Waldes eingestuft. Der Anteil der deutlich geschädigten Waldfläche war bei Buchen mit mehr als 61 % am größten. Seit dem Jahr 2001 hat sich die Schadfläche nahezu verdoppelt. Im Rems-Murr-Kreis sind derzeit 27% der Waldfläche mit Buchen bestockt. Entsprechend groß ist die Sorge der Forstleute um die Vitalität des Waldes. Durch intensive Pflegemaßnahmen soll die Vitalität weiter gestärkt werden. Auch die Fichte, die mit 34% der Waldfläche noch immer die Hauptbaumart im Kreis ist, weist 2006 den schlechtesten Wert seit Erhebung des Waldzustands auf. Besser sieht es bei den wärmeliebenden Baumarten wie Kiefer und Eiche aus, die 2006 als gesünder eingestuft wurden als in den Jahren davor.
Als abiotische Schäden werden insbesondere die Schadholzanfälle durch Sturm , Trockenheit und Schneelast bezeichnet. Dem Wald machen vor allem die heißen Sommermonate mit zu geringen Niederschlägen zu schaffen. Außerdem leidet er unter der Zunahme der Anzahl und der Heftigkeit der Stürme, die mit dem Klimawandel einhergehen. Größere Sturmereignisse in Baden-Württemberg sind unter anderem dokumentiert für die Jahre 1953 (2,25 Millionen Kubikmeter Sturmholz), 1967 (7,7 Millionen Kubikmeter Sturmholz), 1990 (15 Millionen Kubikmeter Sturmholz)und 1999 (30 Millionen Kubikmeter Sturmholz). Der Grund für den Anstieg der angefallenen Sturmholzmengen liegt zum einen in den höheren Vorräten der Wälder, vor allem aber in den höheren Windgeschwindigkeiten der Stürme.
Am 24. Juli informierte sich Landrat Johannes Fuchs im Revier Reichenberg über den aktuellen Waldzustand. Gemeinsam mit Forstrevierleiter Jochen Bek, Oberforsträtin Dagmar Wulfes und Forstdirektor Martin Röhrs wurden die Trocknisschäden der Buche in einem alten Buchenwald besichtigt. Hier kann man die gravierenden Auswirkungen der Trockenheit im Jahr 2003 auf die Verzweigungsstruktur und Belaubungsdichte sehen. Die Buche hat die Schäden bislang nicht ausgeheilt. Verschärft wird die Schadsituation durch Buchenpracht- und Buchenborkenkäfer, die die geschwächten Bäume befallen und vereinzelt ganz zum Absterben bringen.
Von den etwa 120 Borkenkäferarten sind vor allem zwei Arten forstlich relevant. Der Buchdrucker und der Kupferstecher befallen insbesondere die Fichte. Bevorzugt werden geschwächte Bäume aufgesucht. Bei Massenvermehrungen der Borkenkäfer, wie seit einigen Jahren in Baden-Württemberg aufgetreten, befallen sie auch gesunde Fichten. Den Förstern fällt die Aufgabe zu, den Wald intensiv zu überwachen, die Bäume bei ersten Anzeichen von Befall durch den Borkenkäfer zu fällen und vor Ausflug des Käfers aus dem Wald zu schaffen. Schwärmt der Käfer erst in Massen, richtet er enorme Schäden an. Die befallenen Bäume sterben ab und verlieren durch nachfolgenden Pilzbefall mit unansehnlichen Verfärbungen schnell an Wert. Ein großes Problem für den Forstbetrieb ist der Anfall von Käferholz in kleinen Mengen verstreut auf eine große Fläche. So wird die Aufbereitung und der Transport des Holzes sehr teuer.
Ein Insekt profitiert besonders von den mit dem Klimawandel einhergehenden wärmeren und trockeneren Sommern: Es ist der Eichenprozessionsspinner. Er ist nur eine geringe Gefahr für die befallenen Eichen, dafür eine umso größere für die Menschen. Vom Rheintal her hat er sich bis ins Neckarland verbreitet. Bei uns war er bis vor wenigen Jahren vor allem an gut besonnten und damit an warmen Orten stehenden Einzel- und Waldrandeichen zu finden. Inzwischen verbreitet er sich immer mehr mitten im Wald. Das heißt, dass die mikroskopisch kleinen Haare der Raupen, die juckende und entzündliche Hautreaktionen hervorrufen können, in fast allen Eichenwäldern der Region auftreten. Derzeit haben sich die umherwandernden Raupen zur Verpuppung in die Gespinste zurückgezogen. Eine Entwarnung kann trotzdem bis in den Herbst hinein nicht gegeben werden, da die Haare in den Gespinsten und auch in den Eichenkronen weiterhin vorhanden sind. An stark frequentierten Orten werden die Nester mit hohen Kosten mechanisch entfernt. Im Regelfall bleibt im Wald nur das Absperren von stark gefährdeten Bereichen.
Die Forstwirtschaft ist ein umwelt- und naturgebundener Wirtschaftszweig mit langen Produktionszeiträumen. So muss heute bei der Waldverjüngung entschieden werden, welche Baumarten mit den geänderten Klimabedingungen in 100 Jahren zurechtkommen können. Gerade auf den größeren Sturmflächen, auf denen der Folgebestand angebaut werden muss und nicht über Naturverjüngung entstehen kann, entscheiden sich die Forstleute für Eichen- oder Douglasienkulturen. In der Erwartung, dass diese wärmeliebenden Baumarten mit geringem Wasserbedarf und hoher Wurzelenergie ein guter Ersatz für die Fichte mit ihrem größeren Wasserbedarf sind, werden unter großem finanziellen und personellem Aufwand neue Waldbestände begründet und gepflegt. Für die Fichte bleiben die besser wasserversorgten Standorte der Nordhänge, für die Buche alle mittleren bis tiefgründig durchwurzelbaren und gut wasserversorgten Standorte, auf denen sie sich gut natürlich verjüngt.